Es ist so schön einfach im Internet einen Knopf zu drücken und dann zu bekommen was man möchte – oder in diesem Fall was man verschrieben bekommen hat. Aber ist Bequemlichkeit bei Arzneimitteln der richtige Ratgeber? Andererseits ist es fast ein typischer Vorgang, dass Bedenkenträgerei den Fortschritt in diesem Land bremst. Also, was tun? Wir haben zwei gefragt, die wissen worum es geht. Versandhandel von Apotheken: Pro oder Contra?

PRO
Deutschland will und muss das Gesundheitssystem modernisieren, was ohne den Arzneimittelversandhandel mit seinen digitalisierten Prozessen einen Rückschlag erleiden würde.

Die Vorteile des Arzneimittelversandhandels liegen auf der Hand. Immobile Patienten können bequem von zu Hause aus ihre Medikamente bestellen und bekommen diese innerhalb von 48 Stunden an die Haustür geliefert; in Ballungsgebieten sogar am selben Tag. Damit schließen Versandapotheken gleichzeitig Versorgungslücken in ländlichen Regionen, da sie flächendeckend und vollversorgend liefern. In vielen abgelegenen Gegenden werden entweder keine Apotheken eröffnet oder sie schließen. Grund dafür ist in der Regel das Fehlen eines verordnenden Arztes. Denn wo kein Arzt, da auch kein Rezept. Und im Gegensatz zu Ärzten, besitzen Apotheker Niederlassungsfreiheit. Der Bedarf an Ärztinnen und Ärzten in der ambulanten Versorgung in den Regionen wird auf Landesebene auf der Grundlage der Bedarfsplanungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) festgestellt.

Vor allem chronisch Kranke Patienten nutzen das Angebot von Versandapotheken, um den eigenen Medikamentenbedarf zu planen und rechtzeitig zu bestellen. Die Kunden von Versandapotheken profitieren außerdem davon, dass ein elektronischer Medikationsplan für sie geführt wird. Damit stellen Versandapotheken sicher, dass Wechselwirkungen vermieden und die Arzneimitteltherapiesicherheit jedes Patienten verbessert wird. Des Weiteren ist über die Jahre für seltene Erkrankungen und relativ kleine Patientengruppen eine Spezialversorgung mit Rezepturen über den Versandhandel entstanden. Ohne den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln
ist diese Versorgung aktuell nicht aufrechtzuerhalten. Kleine Vor-Ort-Apotheken können die Herstellung von Spezialrezepturen i.d.R. nicht leisten. Darüber hinaus bieten Versandapotheken einen höheren Grad an Diskretion bei der Beratung. Die Beratung via Mail, Online-Chat oder am Telefon durch geschultes pharmazeutisches Fachpersonal läuft um ein Vielfaches diskreter ab, als die Beratung in einer räumlich kleinen Offizinapotheke. An dieser Stelle sei betont, dass jede deutsche Versandapotheke auch eine Offizinapotheke ist. Das bedeutet
im Umkehrschluss: Jeder Apotheker mit einer Offizin kann die Versandhandelserlaubnis beantragen. Das Versandgeschäft mit Arzneimitteln ist kein Privileg. Deutsche Versandapotheken verrichten genau wie ihre Standeskollegen Nacht- und Notdienste und zahlen in den Nacht- und Notdienstfonds ein.

Der Arzneimittelversandhandel ist seit über 14 Jahren sowohl für rezeptfreie als auch für rezeptpflichtige Arzneimittel erlaubt und funktioniert in einem regulierten und geordneten Rahmen. Ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln, wie es z.T. immer noch diskutiert wird, ist vor diesem Hintergrund kaum nachzuvollziehen. Die Diskussion kam auf nach dem EUGHUrteil vom Oktober 2016. Das Gericht hat geurteilt, dass die deutsche Arzneimittelpreisverordnung (Festpreissystematik) nicht für Arzneimittelversender aus dem europäischen Ausland gilt. Ein generelles Verbot sollte die wettbewerbliche Gleichheit wieder herstellen. Es wäre aber nicht nur anachronistisch, sondern nach Auffassung vieler Experten ein Eingriff in das Grundrecht der Berufsfreiheit (Art. 12 Abs. 1 Grundgesetz). Noch weniger ließe sich so etwas mit den europäischen Rechtsnormen vereinbaren. Der BVDVA hat konstruktive Vorschläge unterbreitet, wie eine Lösung des Problems aussehen könnte: Daseinsvorsorge und Wettbewerb müssen kein Widerspruch sein. Das deutsche Gesundheitswesen braucht
dringend mehr Flexibilität in der Arzneimittelpreisgestaltung, damit durch Unternehmertun die Qualität und Versorgung flächendeckend abgesichert werden kann.

Deutsche Apotheken sollten sich dem Wettbewerb stellen dürfen und über eine neu einzuführende Höchstpreisverordnung für rezeptpflichtige Präparate unternehmerischer handeln können. Ein regulierter und begrenzter Preiswettbewerb schafft Vorteile für die Patienten, Krankenkassen und die Versichertengemeinschaft.

Vom Bundesverband Deutscher Versand-Apotheken

CONTRA
Ich arbeite in einer Hamburger Apotheke und stelle jeden Tag fest, wie wichtig eine flächendeckende sofortige Belieferung mit Arzneimitteln an hilfebedürftige erkrankte Patienten ist und plädiere deshalb für ein schnelles Verbot des Versandhandels von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Das Urteil des EuGH vom Oktober 2016, welches beinhaltet, ausländischen Versandapotheken Boni auf rezeptpflichtige Arzneimittel zu gewähren, ist ein klarer Wettbewerbsnachteil für die stationären Apotheken. Dadurch gerät der deutsche Apothekenmarkt zunehmend in Gefahr. In Deutschland gilt eine Preisbindung auf rezeptpflichtige Mittel, damit der kranke Patient nicht gezwungen ist, von Apotheke zu Apotheke zu laufen, um herauszufinden, wo das Arzneimittel am günstigsten ist, sondern zu seiner vertrauten Apotheke gehen kann, um dort sein Medikament zu bekommen.

Da jährlich in Deutschland 200 bis 300 Apotheken schließen (Quelle: ABDA: Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V.), wäre das Worst-Case-Szenario, dass Patienten im akuten Notfall nicht mehr versorgt würden. Jede Apotheke leistet Nachtdienste, Notdienste und gebührenfreie Botendienste nach Hause, um Patienten schnell zu versorgen. Während der Bestellung eines Antibiotikums über eine Versandapotheke, der man das Rezept erst per Post zuschicken und dabei Versandzeit miteinrechnen muss, ist z.B. eine eigentlich gut bethandelbare Blasenentzündung unter Umständen schon zu einer weitaus schlimmeren Nierenbeckenentzündung fortgeschritten. Hinzu kommt folgender Fakt: Wenn der Arzt ein nicht lieferbares Medikament verschrieben hat, ruft der Apotheker beim Arzt an und findet in der direkten Kommunikation mit dem Arzt und dem Patienten eine Lösung. Im Gegensatz dazu, schickt der Versender das unbearbeitete Rezept an den Kunden einfach wieder zurück.

2004 wurde durch Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt das bis dahin geltende Versandhandelsverbot (und auch die Preisbindung) aufgehoben mit dem Köder, 7 Milliarden Euro im Gesundheitssystem einzusparen. Nichts von diesen Einsparungen hat sich allerdings bis heute realisiert, einzig die öffentlichen Apotheken mit ihrem gesetzlichen Versorgungsauftrag wurden nah an den Abgrund gebracht. Ein weiteres Problem stellt die generell nicht erfüllbare Beratungspflicht durch den Versender dar. So ist diese per Versand natürlich nicht möglich und daher z.B. die „Pille danach“ nicht im Versandhandel erhältlich, obwohl sie seit 3 Jahren nicht mehr der Verschreibungspflicht unterliegt. Da zeigt sich, welchen wichtigen Pflichten sich die Versender entziehen: der Beratung und Aufklärung. Leider nehmen viele Menschen Arzneimittel ein, ohne sich der Wirksamkeit, aber auch der Neben- und Wechselwirkungen bewusst zu sein. Nicht umsonst hat der Apotheker eine Beratungspflicht, welche, vor allem bei rezeptfreien Mitteln, wichtig ist, wie z.B. bei Schmerzmitteln. Bei einem Versender wird man nicht darauf hingewiesen, dass selbst ein einfaches abschwellendes Nasenspray zur Abhängigkeit führen kann, schlimmer noch, mit Hinweisen wie „andere Kunden kauften auch…“ wird Arzneimittelfehlgebrauch gefördert. Arzneimittel sind Vertrauensgüter und keine Konsumgüter, eine Beratung seitens der Apotheker soll keine Schikane sein, sondern die Verringerung von Arzneimittelrisiken bewirken. Ein Mehreinkauf von rezeptfreien Mitteln, nur um an einen gewissen Betrag zu kommen, um keine Versandkosten zahlen zu müssen, hat genau das Gegenteil zur Folge: eine Erhöhung von Wechselwirkungen der Arzneimittel untereinander und somit der Gesundheitsschäden.

Ein Test der „Stiftung Warentest“ zu Versandapotheken (Nov. 2017) brachte erschreckende Ergebnisse zutage: Keine der getesteten 18 Apotheken bot eine fachlich gute Qualität. Neun schnitten „befriedigend“ ab, zwei „ausreichend“ und alle anderen „mangelhaft“. Auf teilweise schwerwiegendeWechselwirkungen (Herzrhythmusstörungen) zwischen zwei im selben Paket befindlichen Arzneimitteln wurde in keiner der getesteten Apotheken aufmerksam gemacht. Das sollte nicht nur bei mir als Apothekerin große Zweifel auslösen. Möchtest Du also deine als oft so selbstverständlich angesehene Gesundheit in die Hände von profitgierigen niederländischen Kapitalgesellschaften legen? Oder möchtest du dich lieber an den approbierten Apotheker wenden, der Tag und Nacht für dich da ist, real vor dir steht, sofort sieht, dass du z.B. sehbeeinträchtigt bist oder den mitunter schwer verständlichen Beipackzettel nicht verstehst? Der dir mit Rat und Tat und vielen beruhigenden Worten, die bekanntlich einen nicht zu verachtenden Placeboeffekt besitzen, beiseite steht?

Ich hoffe, dass sich Herr Spahn zum Wohle der Patienten, die eine direkte Beratung in der lokalen Apotheke ihres Vertrauen brauchen und schätzen und aufgrund der Rechtsverstöße der niederländischen Versender gegen das deutsche Apothekengesetz und die Apothekenbetriebsordnung dringend an den Koalitionsvertrag hält und schnell ein Versandhandelsverbot auf den Weg bringt

Von Claudia Ludwig

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