Mobilisierung der jungen Generation

Zwanzig neue Mitteilungen von Whatsapp, zehn ungeöffnete Snapchats, drei neue Tinder-Matches, unzählige unangesehene Insta-Stories. Eine weitere Stunde, um alle Nachrichten und Kommentare zu beantworten, geteilte Bilder und Videos durchzusehen, Likes zu zählen, nach rechts oder links zu swipen. Ein letzter müder Blick auf den Bildschirm, dann ganz plötzlich ein aufploppender Banner mit dem Titel „Paul Ziemiak ist neuer Generalsekretär der CDU“, deklariert von der Spiegel-Online-App als „breaking news“. Was wird der hochaufgelöste Bildschirm des Iphone XR als nächstes anzeigen? Wird etwa das mechanisch klingende Klicken der Sperrtaste zu hören sein, welches die tiefschwarze Fläche des endlosen Bildschirms erst beim Eingang der nächsten Whatsapp-Nachricht wieder aufleuchten lässt?

Die Jugend von heute ist desinteressiert, degeneriert, planlos hinsichtlich der wichtigen Fragen unserer Zeit. Wo bleibt die Neugier? Wo die Entrüstung, das bessere Wissen und das Erheben der eigenen Stimme? Stützt man sich auf die Daten zur Wahlbeteiligung an der Wahl zum Deutschen Bundestag des Jahres 2017, könnte man meinen, es stecke erschreckend viel Wahrheitsgehalt in derartigen Vorwürfen der älteren Generation. Mit 9,2 Millionen Stimmen stellten die unter 30-Jährigen nur knapp ein Sechstel (14,8 Prozent) aller Wahlberechtigen, während die Generation ab 60 mit rund 22,4 Millionen gut ein Drittel (36,3 Prozent) aller potentiellen Wähler umfasste. Die Folgen des demografischen Wandels, die sich zweifelsohne in der Altersstruktur dieser Wählerschaft niederschlagen, sollten unsere Passivität gleichwohl keinesfalls entschuldigen. Tatsächlich aber lässt die ohnehin spärliche Wahlbeteiligung insbesondere im Hinblick auf die junge Generation mehr als zu wünschen übrig. Während die Altersgruppe der 21 bis 24-Jährigen mit einer Wahlbeteiligung von 67 Prozent 9,2 Prozentpunkte unter dem allgemeinen Durchschnitt landete, setzten die 60- bis 69-Jährigen mit 81 Prozent ihre Kreuzchen mit Abstand am häufigsten. Auf die ernüchternde Essenz dieser mahnenden Zahlen heruntergebrochen bedeutet dies, dass uns die ältere Generation mit doppelter Mannschaft gegenübersteht. Und das ist fatal, wenn wir über Sozialversicherungssysteme oder andere Themen, die die Generationengerechtigkeit betreffen, diskutieren. Das politische Einflusspotenzial der älteren Wahlberechtigen ist riesig, Tendenz steigend. Kurzum: Wir sollten uns langsam Gedanken darüber machen, ob wir weit vor der ersten Mondlandung Geborene ganz allein über Themen wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz entscheiden lassen wollen. Doch es gibt noch einen Lichtblick. Diametral entgegen zu dieser Wahlstatistik stehen die Ergebnisse der 17. Shell Studie, die im Jahr 2015 junge Menschen im Alter von 12 bis 25 Jahren mitunter zu ihrem politischen Interesse befragte. Gaben 2002 noch 30 Prozent der Jugendlichen an, politisch interessiert zu sein, stieg die Zahl 2015 schon auf 41 Prozentpunkte. Hinzu kommen signifikante Zahlen zum Vertrauen der jungen europäischen Generation in Politik, Medien und Justiz aus der Studie „Generation What“ der SINUS-Akademie. Hier sollte die Rede wohl eher von Misstrauen sein. Wer also genauer hinsieht, dem wird schnell klar, dass derartige Studien-Ergebnisse auch deutlich die Enttäuschung junger Menschen in die Politik aufzeigen. Politikverdrossenheit ist eben doch nicht gleich Apathie.

Politik im Kopf

Offensichtlich liegt das Problem demnach nicht im mangelnden politischen Interesse, sondern in einem großen Defizit am tatsächlichen Tätigwerden und aktiven Mitbestimmen. Wir beobachten kopfschüttelnd, was „die da oben“ machen, mahnen, hinterfragen, setzen stets hohe Maßstäbe an und üben ständige Kritik in sozialen Netzwerken und auf anderen Plattformen. Dummerweise gehört zu jedem Why aber auch ein How. Denn die zentrale Frage, die wir uns stellen müssen, lautet doch schlicht: Wie können wir es besser machen? Das forsche Auftreten der Generation Y ist ein Rennwagen ohne Treibstoff und läuft vollkommen ins Leere, wenn die PS weiterhin auf der Straße liegen bleiben.

Die Treppe im Paul-Löbe-Haus

Dies hat augenscheinlich auch die Politik selbst erkannt, die sich immer mehr auf sozialen Netzwerken breitmacht und beharrlich die Aufmerksamkeit der Jugendlichen ersucht. Trumps „Twitter-Politik“ ist längst kein Einzelphänomen mehr. Selbst Instagram gewinnt an Substanz, lässt mehr Raum für Inhalte und bietet die Möglichkeit des direkten In-Kontakt-Tretens mit Personen des öffentlichen Lebens einschließlich bekannter Politiker. Die Grenzen zwischen Politik und privatem Leben verschwimmen, was unstreitig große Chancen mit sich bringt. „Die da oben“ sind plötzlich gar nicht mehr „da oben“. Noch nie war Politik so greifbar wie heute. Doch während Christian Lindner gekonnt oder ungekonnt lässig auf der allseits bekannten Treppe des Paul-Löbe-Hauses sitzt, angespannt in die Kameralinse seines professionell aufgebauten Smartphones sieht und seine Follower im Livestream über den neuesten Vorstoß der FDP informiert oder Fragen rund um das gescheiterte Jamaika und seinen Lieblings-Fußballverein auf der Mercedes-Rückbank des Abgeordneten-Fahrservices beantwortet, weichen insbesondere jüngere Nutzer immer häufiger auf andere Apps aus. Der Content auf derartigen Plattformen ist dann in der Regel so stumpfsinnig wie beschämend. Beim Swipen durch die schier endlose Landschaft an Tik Toks sollten wir uns fragen, ob die sich dort inszenierenden Z-Jugendlichen tatsächlich die zukünftigen Hoffnungsträger der Politik sind, die wir als Gesellschaft heranziehen wollen.

Raus aus der Komfortzone

Apropos Hoffnungsträger. Wer kürzlich das politische Weltgeschehen auch nur im Entferntesten verfolgt hat, dem mag wohl nicht die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg entgangen sein, der man gegenwärtig auf allen Kanälen begegnet. Unbeirrt kämpft die leidenschaftliche Klimaaktivistin für ihre festen Überzeugungen und liest Staatschefs aus der ganzen Welt die Leviten. Ihre Forderungen sind rigoros. Unter dem Motto „Fridays for Future“ bestreikt sie seit Monaten freitags die Schule, um zu mehr Klimaschutz aufzurufen und setzte damit eine inzwischen global organisierte Protestaktion in Gang. Wenngleich sich über die Art der Demonstration streiten lässt, ist doch anzuerkennen, dass dieses kleine unscheinbare Mädchen die Initiative ergriffen und damit tausende Menschen mitgezogen hat. So überwältigend der mediale Hype um das Phänomen Greta Thunberg ist, so schlicht ist doch ihre Botschaft. Was Paul Ziemiak als „pure Ideologie“ bezeichnet, ist in Wahrheit vielleicht genau das, was die eingerostete Politik gerade jetzt so dringend braucht, um neu zu prosperieren. Gretas jugendlicher Idealismus und ihr ehrlicher Blick auf die Dinge haben Sprengkraft. Sie macht vor, wie Partizipation geht und ist damit Role Model für unzählige junge Menschen auf der ganzen Welt.

Lasst die rosarote Blase platzen

In einer Welt, in der uns ein unkontrollierter Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union droht und Nationalismus und Populismus nicht nur durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten propagiert werden, sondern auch im Deutschen Bundestag Einzug halten, gilt es zu handeln. Wenn Debatten um Geschlechtervielfalt, Schwangerschaftsabbruch und künstliche Intelligenz im politischen Diskurs der Bundesrepublik auftauchen, wird schnell klar, dass gerade heute wichtige Bausteine für das zukünftige Wertegerüst unserer Gesellschaft gelegt werden. Also: Raus aus Tik Tok, der Filterblase, der Komfortzone! Wir stehen vor enormen neuartigen Herausforderungen, denen es gemeinsam zu begegnen gilt. Und niemanden hat das mehr zu interessieren als uns selbst.

Autor:
Leonie Weber
Kreisvorsitzende der JU Hamburg-Nord